Innere Wege gehen mit Stift und Papier. Der Schweizer Max Frisch formulierte es so:

„Schreiben heißt: sich selber lesen.“

Schreibende Selbst-Erkundung als Dialog zwischen Stift und Papier,
zwischen Gedanken und Gefühlen,
zwischen Außen- und Innenwahrnehmung,
zwischen den verschiedenen Seins-Zuständen.
Schreiben ist Selbst-Berührung und Begegnung mit dem Anderen (auch in einem selbst).
Poesie kann dabei entstehen.
Oder Poesie wirkt in diesem Sinne in uns hinein, indem es durch unsere Resonanz auf das geschriebene Wort unsere persönlichen Themen berührt.
Beides kann tiefe Emotionen frei setzen.
Beides kann den Entwicklungs- und Heilungsprozess auf berührende Weise stärken.

Schreiben ist Selbstfürsorge und Selbstmanagement, das jederzeit und überall stattfinden kann: mal für einige Minuten oder Stunden aus dem Alltag aussteigen, zur Ruhe kommen, durchatmen und nur Zeit für sich haben. Im Schreiben durchdringen wir Unverarbeitetes mit Bewusstsein, setzen es ins Sagen, Anschauen und Handeln um. Schreibend die Chance nutzen, Gefühle in Worte zu fassen, Unbenanntes zu benennen, Ängste auszudrücken und Erstarrung zu lösen. Schreiben befreit, das Innere wird nach außen gebracht, benannt und (mit)geteilt. Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen können entdeckt und Möglichkeiten erkundet werden, sie zu verwirklichen. Die Wirkung von Poesie auf uns kann die gleiche sein, wenn wir zum Beispiel ein Gedicht oder einen Text lesen, der unsere Lebensfragen anspricht.

„Psyches atreion“ – Heilstätte der Seele

Über der Bibliothek von Alexandria prangte diese Inschrift, denn schon in der antiken Medizin war die heilende Kraft des Wortes bekannt und seither gelten Schreiben und Lesen als altbewährte Heilmittel. Menschen fühlten sich immer schon durch das geschriebene Wort, ob nun in Gedichten, Geschichten oder selbstverfassten Texten getröstet, ermutigt, angeregt und gestärkt.

Worte … „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ (Franz Kafka)

Worte entfalten eine besondere Kraft und Magie und können neue Perspektiven eröffnen. Wer sich seine Sorgen in Tagebüchern, Gedichten oder kleinen Texten „von der Seele“ schreibt, will sich entlasten, sich die Sorgen und Ängste von der Seele schaffen und bringt Dinge auf den Punkt, fühlt sich erleichtert und sieht klarer. Und wenn psychisch belastete Menschen Bücher lesen, suchen sie oft Hilfe, Anregung und Verständnis – sei es in Ratgebern, Sachbüchern oder in Romanen.

Selbst schreiben oder Poesie in ihrer Wirkung auf uns sind nur unterschiedliche Zugänge das eigene Leben zu verstehen, seine Möglichkeiten und Ressourcen, aber auch seine Begrenzungen. Beides zu kennen ist wichtig, auch um zu erkennen, wo lässt sich ein weiterer Blick einnehmen oder was gilt es jetzt anzunehmen und zu akzeptieren in seinem So-Sein.

Poesie- und Schreibtherapie unterstützt Psychotherapie und Coaching

Auch in Deutschland wird die Poesie- und Schreibtherapie zunehmend als kreative Heilmethode an Kliniken in der Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen sowie in der Psychoonkologie und in der Begleitung bei chronischen Krankheiten angewendet. Im Coaching sind ihre kreativen Techniken schon lange anerkannt.

Die Poesie- und Schreibtherapie wird von mir bei Bedarf im psychotherapeutischen Prozess und auch im Coaching unterstützend eingesetzt. Sie ist durch ihre breite Palette an kreativen Techniken und Dynamiken des Schreibens ein kraftvoller Weg vertiefter Selbsterfahrung. Der Zugang zu Emotionen kann erleichtert, Lebenssituationen neu geordnet und der Heilungs- und/oder Entwicklungsprozess innerlich aktiv und kreativ mitgestaltet werden. Die Heilkraft der Sprache und des Schreibens regt Prozesse inneren Wachstums, der Erlebnisverarbeitung und des Selbstmanagements an. Der kreative Ausdruck kann helfen, wieder mehr im Hier und Jetzt zu sein, wieder Freude zu empfinden und sich auf seine Ressourcen zu besinnen.

Die schöpferische Kraft des Schreibens und der Poesie schafft einen besonderen und einzigartigen Kontakt zur eigenen Intuition, die ein Wegweiser zu Entwicklung und Heilung ist.

Schreiben und Rezipieren von Texten in psychischen Krisen kann …

Poesie- und Schreibtherapie ist gelebte Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge und Selbstmanagement.




Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so dass man wieder
einatmen kann

Und vielleicht
auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon
fast wieder
Glück

Aufhebung
von Erich Fried